LESEPROBE

 

Inhalt:

Statt einer Einleitung:
Von den Vorzügen des Abstiegs

Ohne Katastrophe geht es nicht:
Das muss man sportlich sehen | Dann backen wir eben kleine Brötchen | Goodbye, geliebte Firma

Willkommen in der Welt der Frau:
Wie nützlich ist ein Ex-Chef im Haushalt? | Expedition ins Übersehene | Evas ignoriertes Universum | Armut macht sinnlich

Der Mann mit den fünf Leben:
Das schönste Bewerbungsbild seit Mona Lisa | Lügen für Berlin | Wie viele Hände liegen schon im Feuer? | Meine Nachbarn retten die Welt | Wie ich Vollverdienern Trost spendete | Als die Zukunft noch aus Beton war | Muss ich Schröder hassen? | Zur Lebenskunst gezwungen

Von der befeienden Wirkung des Verlusts:
Weg mit Schaden | Wie gesund ist Schrumpfung? | Mein neues Auto mit Chauffeur | Fast so schön wie Auftragsmord | Das vergebliche Warten auf die Sinnkrise

Das neue bescheidene Leben:
Hose runter im Hausflur | Kaufrausch für Arme | Wie geil ist Geiz? | Der beste Freund der Arbeitslosen | Die Kunst des Vorbeischauens | Nimm’s nicht persönlich, Signore Antonioni | Nena legt pro Tag ein Ei | Last Minute nach Balkonien

Haltung bewahren und Haltung ändern:
Wie ich zum Südländer wurde | Der Besenkammer-Mann | Wie mich das Feuer jünger machte | Das Krokodil ist mir zu viel! | Meine Schuhe sind jetzt wertvoll | Das Gewicht von Muttis Carepaketen | Die Kartoffel-Offenbarung | Enklaven des Luxus

Endlich Zeit für den wahren Luxus:
Entschleunigung – wo bitte ist das Bremspedal? | Die Entdeckung der Langsamkeiten | Maßeinheit Mütze | Wunderbare Welt zwischen den Deckeln | Ausflug ins Bücherparadies | Glückliche Dilettanten | Bohnenernte im vierten Stock | Ich liebe meinen PC | Lisa plant den Rentenzahler | Rambo soll sich nicht erkälten | Kultur ist was für Arme

Alte Freunde – neue Freunde:
Wie lebt es sich unter der Brücke? | Die Guten | Je Krise desto Sofa |
Das Netzwerk der Abgestiegenen

Ein bisschen was geht immer:
Das Patchwork-Einkommen der heimlichen Alleskönner | Der Fluch des lockenden Kühlschranks | Je mieser der Job, desto schwerer zu kriegen

They never come back – außer manchmal

 

Statt einer Einleitung:
Von den Vorzügen des Abstiegs


»Liegst du etwa schon wieder in der Wanne?«, fragt mich eine vorwurfsvolle Stimme am Telefon.
»Na klar!«, antworte ich bester Laune.
»Um ein Uhr mittags!« Ich sehe meinen Freund Oliver vor mir, wie er lächelnd den Kopf schüttelt. Er sitzt hinter einem teuren Designerschreibtisch, makellos gekleidet in Boss-Anzug und Cerrutti-Krawatte, wie es sich für einen Middlemanager gehört – während ich nackt unter den Schaumkronen des »Entspannungsbads« mit Thymian verschwinde.
»Eins? Kann sein«, sage ich, denn ich trage keine Uhr mehr.
»Du Sackgesicht!«, oder so ähnlich heißt es dann, und meist höre ich ein kurzes, schnaubendes Lachen dazu.
So sagen mir gute Freunde, dass sie mich beneiden, wenn sie gerade mit einem obszön hohen Berg lästiger Pflichten kämpfen und zur Erholung bei mir anrufen. Sie haben Recht, denn ich führe ein beneidenswertes Leben – weil ich meinen gut bezahlten Job verloren habe.
Ich stehe auf, wenn ich keine Lust mehr habe zu schlafen, ohne Wecker und auch ohne diesen inneren Weckdienst, der sich früher gegen sechs mit lästigen Vorträgen über platzende Termine und die pathologischen Sonderwünsche unserer Kunden in meine Träume gedrängt hatte. Meist endet meine Schlaflust irgendwann zwischen acht und zehn, wenn Eva, meine Frau, mit Yoga und Jogging schon fertig ist. Wir frühstücken in aller Ruhe im Bett oder auf dem Balkon. Dann setze ich mich im Bademantel an den Computer und arbeite an Projekten, die mir Spaß machen und – folgerichtig – nie Geld einbringen werden. Ich schreibe ein paar Zeilen Softwarecode für ein kleines Spiel oder bastele an meinen Trickfilmen herum.
Wie hatte ich diesen Zustand der Freiwilligkeit doch herbeigeträumt, als ich noch meinem Sechzig-Stunden-Job im Büro nachging! Nur dachte ich seinerzeit, dass ich das stressfreie Leben erst im klassischen Rentenalter erreichen würde – und mit einem sicheren Spitzeneinkommen. Es kam etwas anders: Ich konnte schon mit zweiundvierzig mein Leben völlig neu einrichten. Leider ohne Geldsegen – ganz im Gegenteil.
Nach ein paar Stunden vor meinen beiden Neunzehn-Zoll-Monitoren fühle ich mich oft ein bisschen müde. Dann lege ich mich mit ein paar Keksen und einem Glas Milch ins Bett und schaue eine halbe Stunde fern. Oder ich lasse mir das beschriebene Entspannungsbad ein, lese mit peinlich trocken gehaltenen Fingern ein paar Seiten in geliehenen Büchern oder telefoniere. Eine Mütze voll Schlaf gönne ich mir nur, wenn ich am Vortag bis zu tief in die Nacht an meinen Webseiten gearbeitet oder an meinem ersten Kriminalroman herumgefeilt habe.
Es ist wunderbar, Zeit zu haben und fast keinen Zwängen zu unterliegen. Fast – denn ein paar lästige Pflichten gibt es schon, und ein bisschen Geld brauche ich leider auch. Aber der Anteil der unangenehmen Tätigkeiten ist so gering, dass Stressgefühle und Frust nicht aufkommen können.
Aus freien Stücken hätte ich diesen Luxus wahrscheinlich niemals erreicht. Ich wurde dazu gezwungen, als mein Arbeitgeber von einem Tag auf den anderen den Laden zumachte und mir meine hundertzwanzig perfekt ausgeleuchteten Bewerbungsfotos mit gewinnendem Lächeln und raffiniertem Glanzlicht auf den Augen in den folgenden Monaten keinen neuen Job einbrachten. Das war ganz und gar nicht lustig, zumindest nicht am Anfang: Ich war ein hoch qualifizierter Marketingleiter mit einem sehr komfortablen Einkommen, aber auch mit den dazu passenden laufenden Kosten, der plötzlich mit einer Null-Stunden-Woche und schmelzenden Finanzreserven klarkommen musste.
Der wirtschaftliche Abstieg war Initialzündung und Katalysator für eine radikale Kehrtwende in der mittleren Lebensphase, und zuerst sah alles verdammt nach Katastrophe aus. Ich musste mein Leben komplett umkrempeln – Wohnraum halbieren; Auto abstoßen; halb bezahlte Immobilieninvestitionen mit einem Verlust verkaufen, der der Hälfte meiner Rentenrücklage entsprach. Schluss mit teuren Kurzreisen nach London oder Prag; Schluss mit Shoppingtouren am Samstag; Schluss mit lustig.
Wenn man den Gürtel drei Konfektionsgrößen enger schnallt, tut das weh – aber nicht so lange wie befürchtet. Das Leben danach, mein jetziges Leben, ist bescheiden und dabei – überwiegend – beneidenswert, weil unbeschwert und viel erfüllter als zuvor. Jedenfalls gibt es keinen Grund, vor einem solchen Leben Angst zu haben.
Sobald die Haare wieder trocken sind, ziehe ich mich an und fahre ein bisschen mit dem Fahrrad in Charlottenburg herum. Ich besuche Heike in ihrer Boutique. Sie verkauft hochpreisige Secondhand-Garderobe an Menschen, die sich mit Inbrunst zu Designer-Klamotten bekennen. Sie erzählt mir von ihren neuesten Erlebnissen mit einem befreundeten Paar, das sich ein Fünf-Millionen-Appartment in Monaco gekauft hat, weil der Nachbau der balinesischen Villa auf der Privatinsel in der Ägäis nicht fristgerecht fertig gestellt wurde. Andere Einkommen, andere Sorgen.
Als Nächstes mache ich gern einen kleinen Ausflug ins KaDeWe, wo es sich so wunderbar schwelgen lässt in der Welt der Waren, die ich mir früher als eine Art Schmerzensgeld für den jobbedingten Stress und Freizeitmangel geschenkt hatte – ohne sie wirklich zu brauchen.
Auf dem Rückweg setze ich mich eine Stunde in mein Lieblingscafé. Wenn die Zeitschriften gerade von anderen Gästen gelesen werden, hole ich ein Buch aus meinem Rucksack und vergesse die Welt um mich herum. Drei Euro inklusive Trinkgeld für einen wirklich guten Milchkaffee leiste ich mir ohne Zögern, weil ich im Gegensatz zu früher minimale Festkosten habe und das Kaffeehausleben einen besonders hohen Luxuseffekt pro eingesetztem Euro liefert. Und Geiz finde ich gar nicht geil. Wenn ich hier sitze und aus dem Fenster schaue, an nichts denke und mich höchstens mal von hübschen Passantinnen ablenken lasse, schäme ich mich schon fast für mein großes Glück im Sockelbereich der Einkommenspyramide.
Tagträumen ist für einen ehemaligen Leistungsträger mit Workaholic-Tendenzen so schwer zu erlernen wie eine Fremdsprache. Kaum beherrschte ich diese hohe Kunst einigermaßen, wurden die Gelegenheiten, sie einzusetzen, immer seltener. Inzwischen hatte ich zu viele andere Stammgäste aus der Kategorie »Hochqualifizierte ohne Job« kennen gelernt, um ungestört vor mich hin starren zu können. Zu jeder Tageszeit traf ich irgendeinen aus dem neuen Bekanntenkreis im Café – lesend, sinnierend oder plaudernd. Aber ich will mich nicht beschweren, im Gegenteil: Diese lose Clique der »Ehemaligen« ist einer der vielen Vorzüge, die ich in meinem »Abstieg« entdecken konnte. Wer sonst hat jenseits der vierzig die Gelegenheit, aufrichtige Freundschaften mit interessanten Persönlichkeiten zu schließen?
Abends, nach ihrem Zwanzig-Wochenstunden-Job als Psychologin, widmet Eva sich ihrem Hobby: Sie experimentiert mit Rezepten für die ambitionierte Hobbyköchin. Ich freue mich, dass ich ihr Versuchskaninchen bin, und verbringe bis zur Präsentation des Sterne-Menüs noch etwas Zeit am Schreibtisch; manchmal sogar mit »vernünftigen« Aufgaben, kleinen Aufträgen, die ich auf verschlungenen Pfaden an Land gezogen habe, denn: ein bisschen was geht immer.
Wir essen im Bett, als hätten wir Flitterwochen, dann schauen wir uns die Videoaufzeichnungen des Vortags an oder lesen, plaudern oder schmusen rum wie in den romantischen Studentenjahren.
So oder ähnlich verlaufen die meisten meiner Tage seit dem großen Abstieg. Auf schicke Restaurants und Shoppingtouren verzichte ich, ohne Entzugserscheinungen zu bemerken. Ganz aus meinem Leben verschwunden sind Hektik und Parkplatzsuche. Jeder Tag ist bis zum Rand angefüllt mit einer Mischung aus Abwechslung und Liebgewonnenem. Ich habe das Private entdeckt und die kleinen, durchaus luxuriösen Genüsse. Es war kein leichter Weg bis hierher – und anfallsweise vermisse ich mein altes Leben voller Aufgaben, Ziele und Termine auf dem Schachbrett der freien Wirtschaft. Die Anfälle gehen aber schnell vorbei.
Meine neuen Interessen und Ambitionen liegen jenseits von Karriere und Kontostand. Mag sein, dass sie oft ein bisschen spießig erscheinen. Na und? Ich fühle mich sauwohl damit!

Ohne Katastrophe geht es nicht:
Das muss man sportlich sehen

Mich hat die Katastrophe in angenehmer Atmosphäre erwischt.
Der Konferenzraum der prächtig renovierten Jugendstilvilla im besten Viertel von Bad Godesberg war mit großformatigen Gemälden eines jungen Künstlers geschmückt, der mit dreißig Jahren Verspätung die heiteren Seiten der Pop-Art auferstehen ließ.
Wir saßen zu zweit an einem riesigen, ovalen Konferenztisch – Michael, der Geschäftsführer einer Berliner Multimedia-Firma, und ich, Marketingleiter desselben Unternehmens und sein Stellvertreter. Seit fast zehn Minuten schauten wir schweigend in den gepflegten Garten hinaus, der, wie uns der Eigentümer der Villa bei der Begrüßung stolz erzählt hatte, regelmäßig für Empfänge vermietet wurde, um die hohen Kosten dieser unvernünftigen Liebhaberimmobilie etwas abzufedern.
Aus dem Nebenraum drangen die kaum vernehmbaren Geräusche einer Besprechung an mein Ohr. In einer Art-Deco-Silberschale vor mir lagen auf dunkelblauen Papierservietten die Reste einer No-Name-Keksmischung. Während ich den Backwaren die Chance gab, mir das Mittagessen zu ersetzen, entschieden die drei Herren nebenan über meine Zukunft. Ihnen gehörte der größte Teil des Unternehmens, das Michael und mir ein ordentliches, aber keineswegs übertriebenes Gehalt bezahlte. Sie hatten aus ihrem Privatvermögen eine gute Million Euro investiert, als es so aussah, als wäre das Internet eine wartungsfrei funktionierende Gelddruckmaschine. Dann war die New Economy in sich zusammengebrochen.
Die weißen Flügeltüren öffneten sich.
Ich goss mir noch etwas lauwarmen Tee nach.
Dr. Wagner, der Investor mit dem höchsten Anteil, machte es kurz. »Wir wollen liquidieren.«
Mein Herz raste wie nach einem Beinaheunfall auf der Autobahn, und es würde sich erst in Höhe der übernächsten Ausfahrt beruhigen.
»Liquidieren«, sagte ich und staunte, wie schnell ein gut befeuchteter Mund austrocknen kann.
Mir war seit Wochen klar, dass es für unser Unternehmen keine Chance gab. Die Investoren hatten Beziehungen spielen lassen, um die Firma zum Selbstkostenpreis an die Konkurrenz oder unsere Kunden zu verkaufen. Aber ohne Erfolg. Nur die Kosten liefen weiter. Kosten wie ich.
Liquidieren …
Für ein paar Augenblicke konnte ich nicht klar denken. Klischee-Gefühle wie das vom Traum, der gleich enden müsse, ließen sich so wenig vermeiden wie ein stressnasses blaues Businesshemd. Eine Katastrophe verliert höchstens ein Drittel ihrer Größe, wenn man sie erwartet.
»Wir sehen keine Alternative.«
Das war der erste Rausschmiss meiner Karriere. Bisher war immer ich gegangen.
»Tut uns Leid.«
Hier saß ich also zusammen mit drei sehr vermögenden Herren zwischen fünfundvierzig und fünfundfünfzig, die länger zu mir gehalten hatten als die Zahlen nahe gelegt hätten. Sie hatten gerade eine Million Euro verloren. Eine Million! Ziemlich viel, auch wenn man viel hat.
»Sie jämmerlicher Versager! Sie Betrüger! Das werden Sie bereuen!« All das sagte niemand zu mir und niemand dachte es. In den Augen der Investoren hatte ich keine Fehler gemacht. Michael und ich hatten unser Bestes gegeben. Aber der Markt hatte sich nun mal gedreht. Gott gibt, Gott nimmt. Shit happens.
Ganz kurz wurden Formalitäten angesprochen. Dann wendete sich Herr Borchers, der mittlere der Investoren – sowohl was das Geld als auch was das Lebensalter betraf – an Michael: »Na, haben Sie in der letzten Zeit mal wieder interessante Fahrradtouren gemacht?«, fragte er fröhlich.
»Im Frühsommer bin ich mit meinem Bruder und einem Freund durch die Alpen gefahren. Querfeldein, mit dem Mountainbike.«
Sie plauderten über die unerforschten Gegenden der Schweiz, fehlerhafte Wanderkarten und GPS-Aussetzer in Gletschernähe. Dann erzählte Borchers von den Altherren-Wettfahrten auf Rennrädern durch die Eifel, zu denen er sich mit Freunden traf, deren ärmster nach dem Crash nur noch drei Millionen besaß.
»Unser Spitzenathlet ist diesmal nicht als Erster durchs Ziel gekommen«, sagte Dr. Wagner lachend und knuffte Borchers in die Seite.
»Das muss man sportlich sehen«, sagte Borchers, »wahre Größe zeigt sich beim Verlieren.«

Ich übernahm den ersten Teil der Rückfahrt nach Berlin. Noch bevor wir die Autobahnauffahrt erreicht hatten, hatte die Klimaanlage mein Hemd wieder getrocknet.
»Hätten wir das verhindern können?« Diese Frage hatte ich in letzter Zeit unzählige Male gestellt und mit Nein beantwortet, und doch kam sie mir immer wieder in den Kopf.
Wir gingen die Entwicklungen und Entscheidungen der vergangenen zwei Jahre durch – so wie an jedem Arbeitstag in den letzten Monaten.
»Wir haben uns nichts vorzuwerfen«, meinte Michael.
Seit Jahren hatte ich mindestens sechzig Stunden pro Woche gearbeitet und nie impulsiv gehandelt. Ich hatte weder Geld verschwendet noch einsame Entscheidungen getroffen.
Ich überholte einen Flüssigtransport-Laster der Spedition Lanning. Mit der Tochter des Gründers war ich zur Schule gegangen. Er war leidenschaftlicher Sportflieger gewesen und hatte bei einem Ausflug in schlechtem Wetter einen Berg übersehen. Von ihrem Erbe hatte sie sich ein Sporthotel mit Pferden gekauft.
Obwohl ich es besser wusste: »Liquidieren« fühlte sich nach Versagen an, und ich hoffte, dass sich dieses Gefühl bald legen würde.
Michael war auf dem Beifahrersitz eingenickt.
Seit einem Jahr rutschten Werbewirtschaft und IT immer weiter in die Krise. Vor allem die Ausgaben für Internet und Multimedia, Schwerpunkte unseres Geschäfts, wurden radikal beschnitten. Die Stimmung war auf dem Tiefpunkt. Ein paar Wochen später sollte sie noch weiter abstürzen, weil ein paar Araber mit ihren Selbstmordattentaten am 11. September dem Wirtschaftsklima den Rest gaben.
Rechts und links der Autobahn erhoben sich die Fördertürme aus der Glanzzeit des Ruhrgebiets. Die schönsten standen unter Denkmalschutz.
Eine Strukturkrise hatte den Niedergang unserer Firma mit sich gebracht. Es gab kein Entkommen. Da konnte ich noch so sehr nach eigenem Verschulden suchen – es ließ sich keines finden. Mein Jobverlust war ein Schicksalsschlag. So gemein wie ein Unfall durch einen besoffenen Raser. So unfair wie der Verlust des Hauses durch ein Erdbeben oder eine Flutkatastrophe.
Nein, ich war nicht meines Glückes Schmied. Das hatte ich mir nur eingebildet, während ich erfolgreich war. So einfach war es längst nicht mehr – und inzwischen hatte ich meine Zweifel, ob es je so einfach gewesen war.
Die kausale Beziehung zwischen Leistung und Belohnung, die man mir seit der Schule versprochen hatte, hatte sich als Illusion erwiesen.
Michael lächelte im Traum, als gäbe es zehn Prozent Wirtschaftswachstum auch diesseits von China. Er seufzte und drehte sich in eine neue Schlafposition auf dem Beifahrersitz.
Der Lotterie-Faktor, jene Ungerechtigkeit des Zufalls, er bestimmt unsere Biografien weit mehr, als wir uns einbilden, ja es … – Moment mal: jammerte ich eigentlich gerade? Sah fast so aus. Seltsam, dachte ich, denn so kannte ich mich gar nicht.
Bleibt das jetzt so – oder vergeht es von allein wie Liebeskummer?
Wir machten Pause an einer Tankstelle. Zu einer gebutterten Brezel trank ich einen Cappuccino aus einem Automaten, der vor den Augen des Kunden die Bohnen frisch vermahlte und eine erstaunlich gute Qualität in den Plastikbecher tropfen ließ.
»Glück ist genauso unfair wie Pech – es kommen nur weniger Beschwerden«, sagte Michael, »sehen wir die Vorteile und schauen wir nach vorn.« Der Schlaf hatte ihn erfrischt. Die Geister der Selbstmotivation waren geweckt.
Vorteile. Das klang gut, auch wenn wir beide wussten, dass er es mehr aus Trotz als aus Überzeugung gesagt hatte.
»Heute ist der erste Tag deiner Zukunft!«, sagte Michael mit vollem Mund und einem breiten Grinsen.

 

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